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Magazin Juni 2004

Nachrichtenarchiv Januar 2006

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12.01.2006
Serhat Karakayali: "Lotta Continua in Frankfurt, Türken-Terror in Köln"
Um "Migrantische Kämpfe in der Geschichte der Bundesrepublik" geht es im Beitrag von Serhat Karakayal, der einer der Aufsätze in der Bernd Hüttner, Gottfried Oy, Norbert Schepers herausgegebenen Publikation "Vorwärts und viel vergessen. Beiträge zur Geschichte und Geschichtsschreibung neuer sozialer Bewegungen". Man muss sich schon etwas für historische und sozialogische Aspekte interessieren. Ist das so, dann wird es aber richtig interessant. Einige Sätze aus der Einleitung zum Anlesen:...

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"Zwischen einer Praxis, die darin besteht „die Geschichte zu schreiben" und der, „Geschichten zu erzählen", besteht ein Unterschied, den manche als einen Epochenbruch ansehen würden. Die Vorstellung eines linearen, fortschreitenden Verlaufs von Geschichte, samt Finalität und großem Subjekt, ist im Zusammenhang mit den Debatten um die Postmoderne vielfach diskutiert worden. Für den Kontext der Geschichte der Kämpfe der MigrantInnen in Deutschland spielen jene Fragen nur eine untergeordnete Rolle.

Entscheidend für den Unterschied, um den es hier geht, ist der politische Kontext und die damit verbundenden Fragen von Subjektivität und politischer Identität. Die Entdeckung und Wiederentdeckung jener Kämpfe war Teil des Konstitutionsprozesses des antirassistischen Netzwerks kanak attak und hatte darin eine praktische und eine theoretische Dimension. Praktisch war es – vor allem für einen migrantischen Antirassismus – notwendig, sich in eine Tradition stellen und aus der Geschichte ihrer Erfolge und Niederlagen lernen zu können. Notwendig war eine solche Traditionslinie zudem auch, um das Bild der MigrantInnen allein als Objekte und Opfer von Rassismus zu dekonstruieren. Auf theoretischer Ebene ging es um eine Historisierung, die zeigen sollte, dass der Rassismus in der Geschichte nicht immer die gleichen Gruppen auf die gleiche Weise unterwirft und damit auch die Niederlagen und Erfolge von antirassistischen Kämpfen den Rassismus immer wieder verändern. Rassismus sollte so als ein soziales Verhältnis fassbar werden, in dem die Kämpfe im Mittelpunkt stehen und nicht die durch den Rassismus produzierten Identitäten (vgl. Bojadžijev 2002 und 2003).

Für die Arbeit von kanak attak hat sich dieser Zugang als sehr fruchtbar erwiesen: Die gegenwärtig stattfindenden Veränderungen des Migrationsregimes oder die Änderungen bezüglich des Staatsbürgerschaftsrechts konnten so in ihren historischen Verbindungen gesehen werden. Aus dieser Perspektive etwa entwickelte kanak attak die Kritik am Begriff der Integration, der im Angesicht der historischen Kämpfe als nichts anderes erscheinen muss, als die Forderung nach individueller Anpassung, ein bloßes Versprechen, das verdeckt, dass die meisten MigrantInnen in der Bundesrepublik entrechtet leben und dass sie, historisch gesehen, schon immer gegen diese Entrechtung gekämpft haben.
Zwei der sicherlich berühmtesten Beispiele aus der nahezu unbekannten Geschichte migrantischer Kämpfe sollen verdeutlichen, wie die angesprochenen historischen Verbindungslinien zum aktuellen Migrationsregime gezogen werden können...". (mehr lesen)

Und weil hier eine Debatte angestoßen wurde, die eine Fortsetzung sucht, seien hier noch folgende Anmerkung zum Entstehenszusammenhang der Publikation zitiert:

"Die Initiative zu diesem Band und der ihm vorangegangenen Tagung im Oktober 2004 in Bremen entsprang außerakademischem Engagement. Als Nachfolgeveranstaltung von making history, einer unter anderem vom Arbeitskreis Kritische Geschichte 2003 in München ausgerichteten Tagung zu Positionen und Perspektiven kritischer Geschichtswissenschaft,(1) war Vorwärts und viel vergessen – Fachtagung zur Geschichte sozialer Bewegungen in Bremen Ausgangspunkt einer kritischen Debatte über Chancen und Grenzen einer Bewegungsgeschichtsschreibung, deren erste, sicherlich lückenhafte Zwischenergebnisse nun in diesem Band vorliegen. Bewusst greifen wir dabei auf Ansätze, die innerhalb und außerhalb der Akademie entwickelt wurden, zurück, ohne das eine als bewegungsfernes Herrschaftswissen oder das andere als unwissenschaftliche Selbstbeweihräucherung zu diffamieren. Nicht gelungen ist uns dabei allerdings, die Hegemonie männlicher, akademisch sozialisierter Geschichtsschreiber zu brechen. Auch die eingeforderte Alltagsorientierung der Geschichtsschreibung zeigt sich nur in wenigen Beiträgen.

Die 13 Beiträge, die der Band enthält, decken somit zwar nicht die ganze Bandbreite einer Bewegungsgeschichte, wie wir sie uns wünschen würden, ab, repräsentieren aber dennoch maßgebliche Teile. Widmen sich einige der Beiträge beispielhaft der „konkreten Geschichte“ neuer sozialer Bewegungen (Ilse Lenz und Brigitte Schneider, AG Grauwacke, Rainer Wendling, Gottfried Oy und Christoph Schneider), so thematisieren andere politische Bedingungen und (Miss-)Erfolge politischer Bewegungen (Gottfried Oy, Thomas Kunz, Serhat Karakayali, Stephan Grigat, Bernd Hüttner) oder die theoretischen und methodischen Voraussetzungen und Fallstricke einer Ausein­andersetzung mit der Geschichte neuer sozialer Bewegungen und der radikalen, undogmatischen Linken (Imma Harms, Sebastian Haunss, Dirk Lange, Sergio Bologna).
Wir hoffen, zumindest einen Eindruck davon zu vermitteln, auf welchen Feldern interessante Ansätze verfolgt werden, welche Themen derzeit in der Diskussion sind und woran sich die Geschichtsarbeit zukünftig orientieren kann – und wünschen uns eine rege Debatte über die zur Diskussion gestellten Ansätze und Thesen.(2)

Allen, die zum Zustandekommen des Buches beigetragen haben, insbesondere den AutorInnen, dem Verlag sowie der Rosa Luxemburg Stiftung – namentlich Dr. Florian Weis und Dr. Lutz Kirschner – für die finanzielle Unterstützung, sei herzlich gedankt.

Anmerkungen:
1 Siehe Richard Heigl, Petra Ziegler, Philip Bauer (Hg.) 2005: Kritische Geschichte. Perspektiven und Positionen, Leipzig und
www.kritische-geschichte.de
2. Ein Ort dieser Debatte ist die Mailingliste des Netzwerks Kritische Geschichte (Subskription über
www.kritische-geschichte.de )."
(Zitat Ende)

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