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Magazin Juni 2004

BLK-Programm: „Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund

FÖRMIG-Auftaktveranstaltung: 24. Oktober 2005, Neues Rathaus Bielefeld

Grußwort: „Potentiale nutzen“

von Susanne Tatje

Sehr geehrter Herr Möller – Tacke,

sehr geehrte Damen und Herren,

als Vertreterin der Stadt Bielefeld begrüße ich Sie zu Ihrer Tagung sehr herzlich. Als Sie mich gebeten haben, ein Grußwort zu sprechen, habe ich das sehr gerne zugesagt, denn als Demographiebeauftragte habe ich mit dem Thema zu tun.

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Mein Aufgabenfeld wird plastisch mit dem Satz aus der Süddeutschen Zeitung beschrieben: „Wir werden weniger, älter und bunter“. Und damit werden auch gleichzeitig die Ergebnisse der Bevölkerungswissenschaftler auf den Punkt gebracht. Dieser Satz macht deutlich, wie sich unsere Gesellschaft durch Geburtenrückgang, höhere Lebenserwartung und Zuwanderung entwickeln wird.

 

Das Thema Integration ist in den Kommunen angekommen: So war ich letzten Freitag auf der Preisverleihung des Robert Jungk Preises in Düsseldorf. Dieser Preis wird alle zwei Jahre von zwei NRW – Landesministerien, dem Städte – Netzwerk und der Robert Jungk Stiftung vergeben. Dieses Jahr stand er unter dem Motto des „Demographischen Wandels“.

Als Mitglied der Jury war ich an der Auswahl der drei Preisträger aus ca. 300 Bewerbungen beteiligt. Das war eine schwierige Aufgabe, denn es gab viele kreative Bewerbungen. Der Schwerpunkt lag eindeutig bei Projekten mit und für Menschen mit Migrationshintergrund: Vom Mittagstisch für Senioren über ein Ausbildungsprojekt in Köln „Ausbildung statt Abschiebung“ bis hin zu Förderprogrammen an Schulen. Einer der drei Preisträger ist übrigens eine Schule aus Herford. Bei der Laudatio hat der neue NRW - Integrationsminister Armin Laschet pointiert über die Chancen einer "bunteren“ Gesellschaft gesprochen.

Dazu einige Zahlen: Bis zum Jahr 2015 wird der Anteil Nichtdeutscher in Nordrhein-Westfalen von gegenwärtig 11,4 Prozent auf 13 Prozent steigen; die Prognose für 2040 geht von 18,7 Prozent aus. Das heißt, der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund wird in unserer Gesellschaft deutlich steigen.

Der demographische Wandel stellt besonders die Städte vor große Herausforderungen, da die Folgen des demographischen Wandels nahezu jeden Bereich betreffen: Gesundheit und Soziales genauso wie Stadtentwicklung und Wohnen oder Schule und Jugendhilfe - und das alles auf dem Hintergrund der schwierigen Finanzlage in den Kommunen.

Für Politik und Verwaltungen stellen sich wichtige Fragen, zum Beispiel wie das Zusammenleben in unseren Städten aussehen wird, wenn der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund deutlich höher liegen wird als heute. Oder was diese Zahlen für die Kindergärten und Schulen in unseren Kommunen bedeuten.

Ich finde es wichtig, diese Entwicklung nicht nur abzuwarten, sondern schon jetzt aktiv zu werden. Wir können den demographischen Wandel nicht aufhalten oder gar umkehren, und vieles können wir in den Kommunen auch gar nicht regeln, weil es auf Bundes- oder Länderebene entschieden wird. Aber wir können die Veränderungen in unserer Stadt mitgestalten und in eine positive Richtung lenken. Es liegt an uns, ob das Zusammenleben künftig durch soziale und kulturelle Konflikte geprägt sein wird oder ob es gelingt, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu integrieren.

Dabei werden Bildung und berufliche Qualifizierung immer wichtiger. Denn der zu erwartende demographische Wandel stellt die Bundesrepublik an diesem Punkt vor große Herausforderungen. So gehen Experten davon aus, dass bis zum Jahr 2020 mindestens 15 Prozent weniger Kinder geboren werden als heute, und bis zum Jahr 2050 sollen sogar nur halb so viele Kinder wie heute zur Welt kommen. Das heißt: Für unsere Gesellschaft droht ein Mangel an qualifizierten Nachwuchsarbeitskräften.

Mit Blick auf die demographische Entwicklung stellt sich die Frage: Wie können wir eine qualitativ hochwertige Bildung und Ausbildung für unseren Nachwuchs garantieren? Und auch: Wie können wir die Potenziale der jüngeren Migrantinnen und Migranten für die Volkswirtschaft nutzen? Die Antwort auf diese Frage ist u.a. wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit von Kommunen; denn Unternehmen brauchen qualifizierte junge Arbeitskräfte mit Innovationspotentialen. Stichwort „Standortpolitik“.

„Die Investition in Wissen zahlt die besten Zinsen“, sagte der amerikanische Schriftsteller und Wissenschaftler Benjamin Franklin treffend. Hier kann kommunales Handeln bei der Festlegung von Handlungsschwerpunkten viel bewirken. Wir müssen zukünftig noch stärker darauf achten, dass wir bei Planungsvorhaben die Bedürfnisse der Gruppe von jungen Menschen mit Migrationshintergrund besonders beachten, zum Beispiel durch

  • Sprachkurse in den Kindergärten
  • Sprachförderkurse in Schulen
  • Hilfen bei der Berufsfindung
  • Oder spezielle Angebote für Mädchen.

Es geht um eine Integration in Bildung, Ausbildung und Beruf.

Wir wissen: Bildung ist schon heute Voraussetzung für die Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen – von der Wirtschaft über Politik bis zur Kultur. Und hier sind die Chancen unterschiedlich verteilt. Dass Kinder aus Migrantenfamilien besonders betroffen sind, belegen Studien und Statistiken. Das birgt zukünftig nicht nur sozialen Konfliktstoff sondern auch fehlende Wettbewerbschancen.

Als mir Birgit Ebel vor einiger Zeit im Zusammenhang mit meiner Aufgabe als Demographiebeauftragte engagiert über das BLK - Projekt FÖRMIG berichtete, war ich sehr angetan. Ich bin überzeugt: Es setzt an der richtigen Stelle an. Denn zukünftig gilt es zu entscheiden, ob und wie wir die notwendigen Investitionen in die Zukunft – also in Bildung und Erziehung unserer Kinder – chancengerecht tätigen wollen. Dann kann das „bunter“ des demographischen Wandels auch eine Chance sein.

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